Geistlicher Tagesimpuls zum 5. Sonntag der Osterzeit, 10. Mai 2020, von Pfarrer Norbert Pomplun

Liebe Schwestern und Brüder,

wo wollen wir bleiben? Im Augenblick gibt es wahrscheinlich wenig, von dem wir uns wünschen, dass es bleibt − zumindest wenn wir unsere unmittelbaren Gefühle betrachten. Je tiefer wir schauen, umso mehr aber wird zum Vorschein kommen. Und fast immer bezieht sich das Bleiben auf die Vergangenheit, weil wir sie kennen. Nur wenn die Sehnsucht groß ist, schauen wir auf all das, was uns erwarten könnte und uns zum Bleiben einlädt. Dann freilich liegt vor dem Bleiben noch ein Aufbrechen und Gehen.

Genau diese Spannung begegnet uns heute im Evangelium (Joh 14,1-12). Hier ist gleich zu Anfang von vielen „Wohnungen“ die Rede, die im griechischen Urtext einfach „Bleiben“ sind. Und das führt uns ganz an den Anfang des Johannesevangeliums, wo Jesus gefragt wird, wo er bleibe (auch hier hat unsere Übersetzung „wo wohnst du?“). Viele Bleiben also gibt es dort, wo Jesus hingeht − einen Ort, den die Jünger offenbar nicht kennen. Viele Bleiben bedeuten Platz, und ganz offensichtlich auch Vielfalt.

Aber wo ist das? Wenn wir allzu schnell antworten: im Leben nach dem Tod, dann verschieben wir die Bedeutung der Worte Jesu zu sehr in die Zukunft und lösen das Rätsel auch nicht wirklich, denn wo findet dieses Leben statt? Obwohl wir unseren ausformulierten Glauben haben, sind wir vielleicht doch in einer ähnlichen Ratlosigkeit wie die Jünger.

Jesus selbst offenbart sich den Jüngern darauf als der Weg selbst, und nicht nur als Weg, sondern zugleich auch als das Ziel. Wer bei Jesus angekommen ist, ist dort, wo wir für immer bleiben werden. Und dies schenkt eine Erkenntnis nicht von etwas, also einem Objekt uns gegenüber, sondern die unmittelbare Erkenntnis seiner Wahrheit, denn wir sind dann ganz erfüllt von seiner Gegenwart.

Wer in Jesus bleibt, schwebt aber nicht auf einer Wolke der Wirklichkeit davon, wie es leicht geschehen kann, wenn wir uns in eine ersehnte Zukunft hineinträumen, sondern kann im Hier und Jetzt die Werke Jesu tun und sogar noch größere. Dies ist der Unterschied zwischen dem geistlichen Leben und der Fantasie!

Eine letzte Bewegung bleibt freilich, denn Jesus geht uns auch voran und wird uns zu sich holen. Aber auch hier sollten wir nicht vorschnell an die Schwelle des Todes denken, denn auch, wenn wir ein intensives geistliches Leben führen, stehen wir immer in der Gefahr, dass wir uns aus seiner Gemeinschaft wieder entfernen. Dann haben wir die Verheißung, dass er uns zu sich holt!

Herr, wir sehnen uns nach dem erfüllten Leben bei und mit Dir, wo wir bleiben können. Immer wieder jedoch verlieren wir die Gewissheit Deiner Gemeinschaft, übernehmen die Sorgen dieses Lebens die Regie. Entreiße uns aller Sorge und Not, zieh uns an Dich und schenke uns die Kraft, die Großtaten Deiner Liebe zu vollbringen!

Jesus möge uns an sein Herz ziehen, wo wir bleiben können, und alle stärken, die besonders in diesen schweren und unsicheren Tagen mutig seine Wege gehen!