Geistlicher Tagesimpuls zum 22. Mai 2020 von Pastoralreferent Dietmar Swaton

Liebe Mitchristen,

"per aspera ad astra" ("durch Schwierigkeiten zu den Sternen" - oder auch, wie es in einem geistlichen Lied heißt: "durch das Dunkel hindurch") - ein starkes Motiv, das mir, glaube ich, zuerst in meiner jugendlichen Begeisterung für die Sinfonien Ludwig van Beethovens begegnete. Es ist weit verbreitet:  Wie viele Märchen laufen auch die meisten Filme mit ihrem ja oft realitätsfernen Happyend nach diesem Muster ab.

Offenbar braucht der Mensch die Überwindung von Hindernissen und Schwierigkeiten - daran reift er. Ansonsten ist das Leben eher langweilig. Allerdings sind wir da recht sensibel: Zu viele Probleme sind vermutlich noch schädlicher als zu wenige.

Das heutige Tagesevangelium (Joh 16, 20-23a) verwendet für ein solches Durchgangserlebnis das starke, weil elementare Vergleichsbild der Geburt (ein Vorgang, der von Männern vermutlich nie ganz nachzuvollziehen ist): höchstes Glück nach heftigem Schmerz.

Auch den Jüngern Jesu bleiben diese Übergänge nicht erspart. Seinen Zeitgenossen nicht, die nach der Begleitung seines Wirkens und Lehrens seinen Tod verkraften müssen, und uns nicht, die seit seiner gestern gefeierten Himmelfahrt immer wieder bedauern, dass er nicht greifbarer für uns geblieben ist. Wir fragen uns, warum wir Gott vorwiegend als abwesend erleben, warum er seine Existenz nicht deutlicher werden lässt.  Jesus spricht es verständnisvoll aus, dass wir "bekümmert" sind über seine scheinbare Abwesenheit.

Was aber würde passieren, wenn der Mensch der Anwesenheit Gottes völlig sicher wäre? Ich kann das gar nicht bis zum Ende durchdenken, vermute aber, dass ein ähnliches Horrorszenario entstünde wie bei endlosem irdischen Leben. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen jedenfalls könnte man vergessen.  Die übermächtige Klarheit Gottes würde alles übernehmen.

Aus Liebe hat Gott den Menschen nicht als kleines Kind erschaffen, das ständig an seinen Rockzipfeln hängen muss, sondern ihm ähnlich als ermächtigt und verpflichtet zu Entscheidungen. Zusammen mit einer ebenfalls nicht festgelegten, nicht für den Menschen geglätteten Natur entstehen so auch Schwierigkeiten, Dunkelheiten, Katastrophen.

End-gültig aber wird nicht aspera, die dunklen Seiten des Lebens, sein, sondern astra, das Himmelreich: Unser Text endet mit einer Verheißung Jesu: die Verheißung eines Wiedersehens in einer Freude, die nicht mehr genommen werden kann. In der finalen bleibenden Gegenwart Jesu bleibt keine Frage mehr offen, keine mehr zu stellen. "An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen."

Aus dem Schlussgebet des heutigen Tages:
Gütiger Gott, das Leiden Deines Sohnes hat uns gerettet, seine Auferstehung erhalte uns in der Freude.