Geistlicher Tagesimpuls zum 20. Mai 2020 von Kaplan Bernhard Holl

Eine alte sephardische Geschichte handelt von einem Mann, der ein Weizenfeld erbt. Jedes Jahr steht auf diesem Feld zuverlässig eine Ernte von tausend Scheffeln Getreide. Noch auf dem Sterbebett schärft ihm sein Vater ein: Mach es so wie ich! Gib jedes Jahr ein Zehntel deiner Ernte als Spende! Dann wird Gott dich segnen. Mit der ersten Ernte macht der Mann es auch genau so und spendet hundert Scheffel Weizen als Zehnten. Aber schon im zweiten Jahr gibt er stattdessen nur neunzig Scheffel und behält den Rest für sich. Bereits im nächsten Jahr erntet er nicht mehr tausend Scheffel Getreide, sondern nur noch neunhundert. Wieder spart er am Zehnten und gibt statt neunzig nur achtzig Scheffel. Das geht einige Jahre so weiter - jedes Mal gibt der Mann weniger als den Zehnten, und jedes Mal erntet er im Jahr darauf noch weniger.

Schließlich bringt das ganze Feld nur noch hundert Scheffel Weizen ein; genau so viel, wie früher der Zehnt als Spende betragen hatte. Das bekommt ein Verwandter des Mannes mit. Aber er bemitleidet ihn nicht, sondern beglückwünscht ihn sogar. Er sagt: Was für ein Segen! Früher warst du nur ein Bauer, der Gott den Zehnten seines Ertrages gegeben hat. Heute kümmert Gott sich um das Feld und gibt dir den Zehnten von der Ernte.

So wie dem Bauer in der Geschichte geht es mir auch manchmal. Ich weiß eigentlich ziemlich genau, wie viel von meiner Zeit ich für Gott reservieren will, für Gebet oder Meditation oder um in der Bibel zu lesen. Aber manchmal denke ich: Ach komm, du hast so viel zu tun und es gibt so viel Wichtiges, da kommt es auf diese Zeit für Gott jetzt mal nicht so an. Sieh lieber zu, dass du deine Aufgaben fertig bekommst und entspann dich danach! Aber was passiert? Ich verzichte auf Gebet und Besinnung und schaffe am Ende trotzdem nicht mehr. Entspannter bin ich auch nicht - im Gegenteil: Ohne diese Zeit mit Gott bin ich eher noch hektischer und fühle mich noch mehr unter Druck. Erst wenn ich wieder Zeit und Ruhe für das Gebet finde, kommt auch wieder alles andere in die Reihe. Und dann merke ich: Die Zeit, von der ich dachte, ich würde sie Gott schenken, die ist in Wirklichkeit sein Geschenk an mich.