Geistlicher Tagesimpuls zum 18. Juni 2020 von Kaplan Bernhard Holl

Es ist eigentlich ein ganz schlichtes Gebet, das Jesus seinen Jüngern empfiehlt, und doch grübeln die Christen bis heute über den genauen Wortlaut und Sinn des Vaterunser (Mt 6, 7-15).

Von den sieben Bitten hat in den letzten Jahren vor allem die vorletzte viel Diskussion hervorgerufen: Führe uns nicht in Versuchgung! Die französische Bischofskonferenz formulierte in einer Neuübersetzung 2013 lieber "lass uns nicht in Versuchung geraten". Der bayerische Bischof Ludwig Voderholzer nannte das eine "Verfälschung der Worte Jesu", Papst Franziskus dagegen fand die neue Version genau richtig; es sei doch nicht Gott, der in Versuchung führe, sondern wenn überhaupt, dann Satan.

Auch Wissenschaftler stiegen bald in die Debatte ein. Exegeten verwiesen darauf, dass Gott Heilige wie Abraham und Ijob sehr wohl auf die Probe gestellt habe, freilich nicht damit sie scheitern, sondern damit sie sich im Glauben bewähren. Philologen gaben zu bedenken, dass im Griechischen eine aktive Verbform durchaus auch eine passive Beteiligung ausdrücken könne. Ein Historiker etwa, der vermerkt, dass Xerxers den Hellespont überbrückte, will nicht zu verstehen geben, dass der persische König persönlich den Mörtel anrührte.

Ich persönlich glaube, dass die potenzielle Missverständlichkeit dieser Bitte weniger biblisch oder grammatisch bedingt ist, sondern im Bewusstsein unseres Betens liegt. Führe uns nicht in Versuchung - will ich Gott etwa von etwas abhalten, das er ansonsten gerne täte? Bitte ich ihn mit derselben Logik etwa um das tägliche Brot, das er mir eigentlich lieber nicht geben möchte? Oder um es auf die Spitze zu treiben: Gehe ich davon aus, dass Gott es ohne meine Überredungskunst bevorzugt, wenn sein Name nicht geheiligt wird?

"Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen." Dieses Gegenbild zeichnet Jesus selber von vermeintlichen Göttern, die zu faul oder gleichgültig sind, um ohne Drängen aktiv zu werden. Das Gebet der jüdisch-christlichen Tradition dagegen hat seinen Grund von jeher darin, den Willen des Beters mit dem Willen Gottes zu vereinen: Dein Wille geschehe! Es ist zugleich die Bitte darum und die Erklärung der eigenen Bereitschaft, an der Erfüllung dieses Willens beteiligt zu sein.

"Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet." - Jede der Bitten des Vaterunser drückt eigentlich eine Selbstverständlichkeit aus, und doch sollen wir um das tägliche Brot ebenso bitten, wie um die Freiheit von Versuchung. Gott bewirkt letztlich alles, aber er errichtet sein Reich nicht über uns, sondern durch uns: Indem nicht zu letzt ich seinen Namen heilige, Hungernde speise, Vergebung gewähre und eben auch die Versuchung meide oder in ihr standhalte.