Geistlicher Tagesimpuls zum 15. Mai 2020 von Diakon Thomas Greiner

Christus und Menas, Ikone, 8. Jahrhundert, Paris, Louvre, © gemeinfrei

Wir sind in der Osterzeit. Wir feiern das Ostergeschehen vor nahezu 2000 Jahren. Doch was wir da feiern, ist nichts Vergangenes. Denn wir sind wortwörtlich auch heute in der Osterzeit. Auch heute stehen wir unter der Erfahrung dieses Ostergeschehens. Es hat Bedeutung für unser eigenes Leben, ganz konkret, denn als Christen sind wir österliche Menschen.

Österliche Menschen spüren: Dieser Jesus ist auch für mich da! Er kennt mich und er will nichts anderes als mein Freund sein.

So hören wir es heute auch im Evangelium (Joh 15,12-17): „Ihr seid meine Freunde“, sagt er. Freunde – und eben nicht Knechte oder „Sklaven“, wie es im griechischen Original heißt! Aber er stellt eine Bedingung: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ Und was trägt er uns auf? – Ganz einfach: „Liebt einander!“ Mehr nicht. „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Das ist sein Gebot. Und: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“

Liebt einander! Das ist ein Imperativ. Das ist quasi der kategorische Imperativ für uns Christen. Daran soll man uns erkennen, als österliche Menschen, als Menschen, die wirklich erlöst sind und nun durch Jesus eine ganz neue Lebensperspektive haben: dass wir LIEBEN. Nicht theoretisch, nein! Ganz praktisch, ganz alltäglich, ganz konkret! Und da geht es gar nicht um große Gefühle, um pathetisches Reden von Liebe. Da wird es ganz handgreiflich. „Die größte Liebe haben jene, die ihr Leben hingeben für ihre Freunde“, sagt er. Hingabe! Das meint nicht nur die letzte Hingabe im Tod, die Jesus uns zeigt, der bereit ist, für uns zu sterben. Hingabe geschieht jeden Tag und sie passiert im ganz Kleinen: in der Familie, im Beruf, in all den vielen Situationen, wo wir einander helfen, gerade jetzt in diesen schwierigeren Zeiten. Wenn wir anderen etwas Gutes tun, und sei es auch noch so klein, und ihnen im wahrsten Sinn des Wortes: Wohl wollen und für sie da sind, und wenn wir unseren eigenen kleinen Egoismus nur ein wenig überwinden: Das ist Hingabe.

Jesus gibt uns nur dieses Gebot: Liebt einander! Er macht es zum Erkennungszeichen für uns Christen, für uns österliche Menschen. Ich wünsche uns, dass wir uns daran erkennen.