Geistlicher Tagesimpuls zum 14. Mai 2020 von Pastoralreferent Dietmar Swaton

Liebe Mitchristen,

eigentlich ist diese Rubrik hier nicht dafür gedacht, dass jemand von uns eine fortlaufende Reihe seiner theologischen Gedanken aufbaut. Zu meiner Überraschung schließt sich aber die heutige Tageslesung (Apg 15, 7-21) eng an die Passage an, über die ich vor zehn Tagen reflektiert hatte, obwohl vier Kapitel der Apostelgeschichte dazwischen liegen.

Damals ging es um die Frage, ob Nichtjuden ("Heiden") in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden können und sollen. Nach der positiven Antwort in Kapitel 11 geht es heute darum, zu welchen Konditionen das geschehen kann. Also erst das Ob und jetzt das Wie.

Wie löste die christliche Gemeinde damals diese Auseinandersetzung? Das war keine akademische Frage - die Apostelgeschichte berichtet wörtlich von einem "heftigen Streit"!

Zunächst bezieht sich Petrus auf die vorangegangene positive Lösung des Ob und vertritt seine Meinung zum Wie gleich mal so deutlich, dass "die ganze Versammlung schweigt".  Dann berichten Barnabas und Paulus von den Erfolgen, die sie in der Mission unter den Heiden erlebt haben. Überzeugung also durch Fakten. Dann ergreift Jakobus das Wort, jemand aus der Familie Jesu mit großem Einfluss, und deutet die Hl. Schrift im Sinne der von ihm und Petrus angestrebten Veränderungen. Schließlich erhebt er nur ein paar Grundforderungen, die ihm so wichtig sind, dass er die Neuhinzukommenden darauf verpflichtet.

Insgesamt eine lösungsorientierte Versammlungsstrategie, die aus einem aktuellen Handbuch der Kommunikationswissenschaften stammen könnte. Wir lesen und staunen. Und empfehlen dieses Beispiel unseren Gremien.

Aber auch die Intention der Akteure ist erstaunlich. Da werden mutig frühere Positionen verlassen. Von einem ganz wichtigen Element des Glaubens z.B. geht man ab, das das ganze Volk Israel seit Urzeiten kennt und an das jeder aus diesem Volk von Kindesbeinen an gewöhnt ist : die Beschneidung als Zeichen des Bundes mit Gott.

Mutig - ist unsere Kirche heute auch so mutig, die Zeichen der Zeit zu deuten? Die eigenen Werte in eine Reihenfolge zu bringen, Prioritäten zu setzen und erforderlichenfalls auf das geringer Bewertete (das deswegen nicht wertlos ist) zu verzichten? Wo stünden wir heute, wenn die damalige Gemeinde verständlich zurückhaltend entschieden und gehandelt hätte? 

Und wie geht es uns damit in unserem eigenen Leben? Sind wir bereit, auch neue Wege zu gehen im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der offenbar genau an dieser Stelle wirkt? Das schreibt Ihnen kein Revoluzzer, sondern jemand, der sich durchaus eher als konservativ versteht. Ich muss mich bei der Lektüre der Bibel an die eigene Nase fassen. Unsere Gesellschaft krankt eh fortschreitend daran, dass jede/r nur noch das hören will, was sie/ihn in ihren/seinen Auffassungen bestätigt.

Vor zehn Tagen habe ich uns Offenheit gewünscht. Heute ist es der Mut, in dieser Offenheit zu handeln.

Aus dem Schlussgebet der heutigen Eucharistiefeier:

Barmherziger Gott, gib, dass wir die Gewohnheiten des alten Menschen ablegen und als neue Menschen leben. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. AMEN