Geistlicher Tagesimpuls zum 13. Mai 2020 von Gemeindereferent Andreas Topp

„Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ so schallte es mir überall und jederzeit entgegen, als ich jung war und anfing mich für Religion und Kirche zu interessieren. Schon damals war ich skeptisch und bin es auch heute, denn ein Blick auf das heutige Tagesevangelium (Joh 15,1-8) zeigt, dass Jesus in sehr klaren und drängenden Worten seinem Zuhörer die zwei Möglichkeiten vor Augen stellt, zwischen denen er sich entscheiden muss: Leben oder Tod, Weiß oder Schwarz. Grautöne gibt es nicht.

Sie kennen die Stelle wahrscheinlich; Jesus bezeichnet sich als der wahre Weinstock, wir, die Jünger, sind die Reben und der Vater ist der Winzer, der die Reben, die keine Frucht bringen, vernichtet und die anderen, die Frucht bringen, reinigt. Man muss das nicht als Drohung auffassen, aber eine Warnung ist es schon. Doch glücklicherweise folgt der Rettungsring auf dem Fuße: „Wer in mir bleibt und ich ihn ihm, der bringt reiche Frucht. … dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“

„Na klar,“ werden Sie nun denken, „Das kennen wir doch: Wir nehmen Christus in Wort und Sakrament in uns auf und so schenkt er uns die Gnade, ein Leben zu führen, das Frucht bringt.“

Aber was ist das nun, „Frucht bringen?“ lautet nun die nächste Frage.

Da möchte ich nur am Rande darauf eingehen, dass Jesus hier ein Bild der Propheten verwendet, welche im Alten Testament das Volk Israel mit einem Weinstock verglichen, der Frucht bringen sollte. Damit meinten sie vor allem Gerechtigkeit (Jes 5,7) und wahre Anbetung (Jer 2,20 ff).

„Kein Problem,“ werden Sie denken, „jeder ist für Gerechtigkeit und dass wir nicht unser Bankkonto, sondern Gott anbeten sollen, wissen wir auch.“

Deshalb möchte ich Sie nicht weiter mit wohlfeilen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit oder kritischer Überprüfung unseres Konsumverhaltens langweilen, sondern darauf hinweisen, dass der Auftrag, Frucht zu bringen, für die Juden und damit für die Menschheit einen älteren, tieferen Ursprung hat, denn nur als Bildwort der Propheten.

Die ersten Worte nämlich, die Gott nach der Erschaffung des Menschen (als Mann und Frau, als sein Ebenbild) zu diesen Menschen sprach, lauteten: „Seid fruchtbar und mehrt euch.“ (Gen 1,27) Ganz einfach, ganz archaisch, am Ursprung der Menschheit steht der göttliche Auftrag: Heiratet, werden sexuell aktiv und bekommt Kinder. Offensichtlich möchte Gott, dass viele von uns Menschen, die wir irdisch sind, aber von seinem Lebensatem beseelt und deshalb sein Abbild sind, existieren, um ihn zu erkennen und zu lieben.

Sie wissen, daran hapert es in unserer modernen Gesellschaft und oft auch in unseren persönlichen Biographien. Eine Antwort auf die Frage, warum der moderne Mensch heutzutage so wenig in der Lage ist, eine funktionierende Ehe zu führen und vielen Kindern das Leben zu schenken, will ich hier nicht versuchen; das heutige Evangelium deutet die Ursache an.

Ich möchte stattdessen die verbleibenden Zeilen dafür nutzen, um einen Aspekt kurz zu erwähnen, welcher mir in den Sinn kam, als ich das heutige Evangelium las. Es handelt sich um das große Menschenrechtsproblem der Bundesrepublik, um die großen Tötungen, die hinter der Fassade von Rechtsstaatlichkeit und Wohlstandsgesellschaft, Werktag für Werktag, hundertfach durchgeführt werden: die Abtreibungen. Jeder weiß davon, keiner redet darüber. Die amtliche Statistik spricht von ca. hunderttausend Abtreibungen pro Jahr, dazu kommt die große Dunkelziffer. Die Anzahl der jungen Menschen, die vor ihrer Geburt getötet wurden (hier bei uns!), ist im Laufe der Jahre so hoch geworden, dass es uns als Christen tief erschrecken müsste.

Das heutige Evangelium erinnert mich wieder daran, dass unser Bemühen um eine wirklich kinderfreundliche, familienfreundliche, menschenfreundliche Gesellschaft, um Gerechtigkeit, um Anerkenntnis dessen, was wirklich wesentlich ist in unserer Gesellschaft, immer auch den Einsatz für die Geringsten unserer Schwestern und Brüder beinhalten muss, die ungeborenen Kinder und ihre Mütter (!). Es erinnert mich auch daran, dass jedes Engagement für das Lebensrecht seinen Ursprung im Gebet hat.

Beten wir, betrachten wir das Evangelium, und dann handeln wir.