Geistlicher Tagesimpuls zum 23. Mai 2020 von Pfarrvikar Arduino Marra

Ab und an kommen mir Szenen aus meiner Studienzeit im Priesterseminar in Biesdorf in den Sinn. Nach mancher Vorlesung kamen wir über das Vorgetragene und Dargelegte ins Gespräch, ob am Mittagstisch beim Essen oder in den Aufenthaltsräumen bei einer Tasse Kaffee. Angetrieben vom Wunsch oder vom Bedürfnis, die vom Dozenten dargelegten Inhalte etwa über Glauben, Erkenntnis, Moral oder Liturgie tiefer zu durchdringen, besser zu begreifen oder überhaupt zu verstehen, verwickelten wir uns in interessanten und erbaulichen Dialogen. Es passierte aber auch, dass der Gedanken- und Meinungsaustausch zu einem Streitgespräch führte, weil der eine oder der andere das eigene Verständnis oder die persönliche Überzeugung über ein gewisses Thema absolut setzte: Es ist so, wie ich sage! Du siehst es falsch!

An solche Szenen musste ich denken, als ich über die heutige erste Lesung (Apg 18, 23-28) meditiert habe. Ein Wanderprediger Namens Apollos kommt nach Ephesus, wo sich enge Mitarbeiter des Heiligen Paulus gerade aufhalten, nämlich das Ehepaar Aquila und Priszilla. Sie hören ihn in der Synagoge predigen und stellen fest: Er kennt sich in der Lehre Jesu Christi gut aus und spricht mit großer Begeisterung davon. Zugleich merken sie aber, dass er nicht die christliche Taufe, sondern nur jene des Johannes kannte. Er musste wohl ein Anhänger vom Täufer gewesen sein, und als guter Schüler war er den Hinweisen seines Meisters gefolgt, Jesus anzuhängen. Irgendwie war er jedoch nicht dazu gekommen, die neue Taufpraxis kennen zu lernen, die im Namen Jesu und durch Handauflegung zum Empfang des Heiligen Geistes erfolgte.

Mir sind zwei Dinge in diesem Bericht aufgefallen: Die christlichen Eheleute nehmen Apollos in das eigene Haus auf, sie gewähren ihm Gast-freundschaft und greifen dort die Gelegenheit auf, „ihm den Weg Gottes noch genauer“ darzulegen. In dieser Geste meine ich, eine große Achtung und einen großen Respekt gegenüber dem „Amtskollegen“ zu erkennen. Durch ihre Freundlichkeit schaffen sie die Bedingungen, dass er seinen Horizont, sein Verständnis der christlichen Botschaft erweitern kann.

Apollos ist seinerseits bereit, seine Wissenslücken schließen zu lassen. Er zeigt sich lernwillig, lässt sich belehren. Das zeugt meines Erachtens von Demut, weil er dadurch indirekt zugibt: Ich weiß nicht alles! Ich bin bereit, mir etwas sagen zu lassen.

Wir schreiten dem Pfingstfest entgegen, dem Hohen Fest, an dem der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel, die mit Maria und den anderen Jüngern im Abendsmahlssaal versammelt waren, gedacht und erinnert wird. In diesen Tagen lädt uns die Kirche ein, verstärkt um diesen Geist zu bitten, damit er in und durch uns wirken möge. Im Tagesevangelium (Joh 16,23b-28) ist es Jesus Christus selbst der auffordert, in ihm den Vater um alles zu bitten: „Amen, amen, ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben.“ So wollen wir wie im Tagesgebet zu Gott beten:

Herr, unser Gott,
dein Sohn hat vor seiner Himmelfahrt seinen Aposteln den Heiligen Geist verheißen.
Sie haben den Reichtum der göttlichen Weisheit empfangen;
schenke auch uns die Gaben deines Geistes.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.