Ein "Super-Home Community Center" auch für nachfolgende Generationen? - Vortrag von Marcus Nitschke anlässlich des 10jährigen Bestehens des Gemeindezentrums Maria Gnaden

Wurde das Gemeindezentrum Maria Gnaden aus heutiger Sicht bedarfsgerecht und nachhaltig gebaut? Wie können Raumprogramme von kirchlichen Gebäuden angesichts stagnierender oder sinkender Mitgliederzahlen und pandemischer Einschränkungen für die Zukunft geplant werden? Wird sich das Modell des Hauskreises weiter durchsetzen, das Raumkapazitäten nach außen verlagert, oder müssen gar ungewöhnliche Allianzen zwischen weltlichen und kirchlichen Trägern geschmiedet werden, um Gemeindegebäude heute noch finanzieren und bespielen zu können?

Um solche Fragen ging es in Marcus Nitschkes Vortrag „Kirche ohne Zukunft? Gemeinden und ihre Gebäude in unsicheren Zeiten.“ Anlässlich des 10. Geburtstages des Gemeindezentrums hatte der Bildungsausschuss Maria Gnaden den Theologen und Architekten eingeladen, der damals mit dem Architekturbüro D:4 das neue Gemeindezentrum plante. Marcus Nitschke zog in seinem Vortrag Bilanz und nahm eine Bestandaufnahme der Nutzung des Hauses vor. Anwesend waren auch der damalige Gemeindepfarrer Markus Brandenburg und - teilweise per Livestream - einige Mitglieder des Gemeinde-Bauausschusses jener Jahre.

Die ersten Planungen und die Bauphase fielen damals, Ende des letzten Jahrzehnts, so Nitschke, ebenfalls in eine Krisenzeit, die Finanzkrise der Kirche, die eine bedarfsgerechte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bauplanung nahelegte. Das Gemeindezentrum sollte in einem Ensemble mit der Kirche, dem Pfarrhaus und dem Pfarrgarten entstehen, wobei der Grundriss des neuen Gebäudes die Straßenführung von Hermsdorfer Damm und Olafstraße aufnimmt. Zwischen Kirche und Gemeindezentrum vermittelt ein Vorplatz, der als Treffpunkt genutzt werden kann und Gemeindeleben nach außen sichtbar macht - wie auch der zur Straße hin gelegene Saal und das lichtdurchflutete Foyer. Die Mauer zieht sich um das Gelände wie der Schutzmantel der Madonna, eine Idee der Architekten, das ungewöhnliche Patrozinium Maria Gnaden sichtbar zu machen und zugleich die kompakteste Form des Gemeindelebens zu ermöglichen.

Das Raumprogramm sollte bedarfsgerecht geplant werden, also nicht mehr jeder Gruppe einen Raum zugestehen, wie noch in den 60er und 70er Jahren üblich, sondern auf Mehrfachnutzung der Räume ausgerichtet sein. Auch der heute wieder sehr aktuelle Gedanke des Hauskreises, also der Auslagerung mancher Gruppen in private Räumlichkeiten, wurde bei der Raumplanung mitgedacht – ebenso wie die Möglichkeit der Öffnung der Räume für „externe“, gemeindefremde Gruppen.

Entstanden sind vier Räume unterschiedlicher Größe und multifunktionaler Nutzungsmöglichkeiten (und jeweils mit Stauräumen ausgerüstet), die sich heute noch als bedarfsgerecht erweisen. Die Raumbelegung der letzten Jahre zeigt, dass das Gemeindezentrum immer noch sehr gut ausgelastet ist und auch seine Funktion als „Super-Home Community Center“ wahrnimmt. Dieses städteplanerische Konzept legt nahe, dass öffentliche Gebäude wie eben Gemeindezentren als „Super Home“, also quasi als „verlängertes Wohnzimmer“ dienen sollten, in das man größere private Veranstaltungen, die die Kapazität der eigenen vier Wände übersteigen, auslagern kann. Marcus Nitschke wurde im Hinblick auf das Gemeindezentrum Maria Gnaden auf dieses Konzept tatsächlich von einem chinesischen Autor angesprochen, der für eine Publikation Beispiele für solche Architektur suchte.

Auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit würde das Gebäude die inzwischen verschärften Auflagen heute noch erfüllen können. Man hat das Bauwerk bewusst in massivem Backstein ausgeführt, auf gefährliche Dämmstoffe verzichtet und auf niedrige Betriebskosten geachtet. Auch der Natursteinboden im Foyer hat die zehn Jahre bei intensiver Benutzung sehr gut überdauert. Das Gebäude, das 2012 den Bauherrenpreis erhalten hat, ist barrierefrei und flexibel zu nutzen, da die Innenausstattung bewusst nicht bis ins Detail durchgeplant wurde.

Diese Flexibilität wird auf für zukünftiges Bauen wichtig werden, so Nitschke. Gerade die Pandemie zeige, dass an Raumnutzungskonzepte schnell neue Anforderungen gestellt werden, wenn sich das Verhältnis von Nähe und Distanz im Gemeindeleben ändert und sich die Relation von Präsenz- und Distanzveranstaltungen verschiebt.

In gesamtkirchlicher Hinsicht muss auch dem Schwund der Mitgliederzahlen und den veränderten Erwartungen der Mitglieder an das Gemeindeleben durch die Architektur Rechnung getragen werden. Die Bindungsbereitschaft der Gemeindemitglieder ist heute geringer, viele möchten sich nicht mehr dazu verpflichten, feste wöchentliche Termine wahrzunehmen. Dies bedeutet für das Raumkonzept, dass mit kleineren, noch flexibler zu nutzenden Räumen geplant werden muss, wie es in einem aktuellen Projekt von D:4 der Fall ist. Auch die Nutzung derselben Räume durch ganz unterschiedliche gemeinnützige Träger – beispielsweise einer FDGB-Seniorengruppe und einer kirchlichen Seniorengruppe in Brandenburg - ist nicht mehr ausgeschlossen und kann zu ganz neuen Synergien führen. Es sei wichtig, sich neue Partner, auch jenseits des kirchlichen Umfeldes zu suchen, betont Nitschke in diesem Zusammenhang; denkbar wäre sogar eine „Bewirtschaftung“ von Gebäudeteilen durch Wohnraumvermietung, wie von einem Teilnehmer vorgeschlagen. Und sogar das mobile Gemeindehaus, das an beliebigen Orten im Kiez aufgebaut werden kann, existiert bereits. Voraussetzung auch für solche Konzepte sei jedoch, dass es eine Gemeinde gibt, oder dass eine Gemeinschaft entsteht, die solche Häuser besucht, sonst verwaisen sie sehr schnell, meint Marcus Nitschke dazu einschränkend.

Durch ihre Planung für den tatsächlichen Bedarf, die zeitgemäße, auf Inklusion ausgerichtete Ausgestaltung und die Einbeziehung von Nachbarschaft und Kommune hat die Gemeinde Maria Ganden als Bauherrin ein Konzept auch für kommende Generationen geschaffen, das bereits als Grundlage für einige weitere Projekte des Büros diente.

 

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